Wurzeln, die neu spriessen: Geschichte und Entwicklung der Associazione Amici dell’Olivo

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Die Geschichte der Associazione Amici dell’Olivo (AAO) reicht bis ans Ende der 1990er-Jahre zurück. Damals fiel Erico Besomi (1948-2013), bei seinen Spaziergängen durch das Dorf Gandria der vernachlässigte Zustand des Weges auf, der an alten, inzwischen verfallenen Olivenhainen entlangführte. In diesen stillen Terrassen, zwischen zerfallenden Trockenmauern und vergessenen Pflanzen, erkannte Besomi nicht nur ein schützenswertes Landschaftserbe, sondern auch eine landwirtschaftliche und kulturelle Tradition, die der Gemeinschaft zurückgegeben werden sollte.
Mit grosser Entschlossenheit leitete er die ersten Wiederherstellungsarbeiten ein und bezog dabei Personen ein, die an Beschäftigungsprogrammen teilnahmen. Bald bildete sich um ihn eine Gruppe von engagierten Interessierten – die „Gruppo Olivo“ –, die gemeinsam mit der Fondazione della Svizzera Italiana per la Ricerca Scientifica e gli Studi Universitari und dem Fondo per il Sito Naturalistico e Archeologico di Gandria (Fondo SNAG) Studien und Instandsetzungsarbeiten initiierte und damit den Grundstein für das legte, was später zum Sentiero dell’Olivo werden sollte.

Zwischen 1997 und 2001 wurden in Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat von Gandria mehr als hundert Olivenbäume in den Gebieten Rozza, Campestri und Nusera gepflanzt. Der Fondo SNAG übernahm die Bewirtschaftung des Olivenhains und koordinierte wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit dem Olivenbaum als Forschungsobjekt der Naturwissenschaften befassten. Die Ergebnisse waren ermutigend und machten deutlich, dass der Olivenanbau im voralpinen Seengebiet südlich der Schweiz neue Impulse verdiente.

Am 1. April 2001 beschloss die Gruppo Olivo im ehemaligen Gemeindehaus von Castagnola, sich offiziell als „Associazione Amici dell’Olivo“ zu konstituieren. Hauptziel war die Wiedereinführung und Aufwertung der Olea europaea L. in der Südschweiz. Damit entstand eine strukturierte Vereinigung, die einem Projekt, das bis dahin vor allem vom Enthusiasmus seiner Initiatoren getragen worden war, Kontinuität und eine langfristige Perspektive geben konnte.
In den darauffolgenden Monaten setzte die Vereinigung die bereits begonnenen Arbeiten fort und weitete sie aus, wobei der Schwerpunkt insbesondere auf dem Olivenhain von Gandria lag. Sorten wie Frantoio, Leccino, Pendolino und Maurino wurden gepflanzt, alte Terrassen wiederhergestellt und Trockenmauern nach traditioneller Art rekonstruiert. Der 20. Mai 2001 stellte einen symbolischen Meilenstein dar: Dank der Unterstützung von Mitgliedern und „Paten“ konnten 73 neue Bäume gepflanzt werden. Ihre finanziellen Beiträge ermöglichten es, die Aktivitäten zu festigen und dem Projekt eine stabile Grundlage zu geben.
In den folgenden Jahren wurden die Anlage und die Pflege des Sentiero dell’Olivo zu einem der Schwerpunkte der Vereinstätigkeit. Der Weg wurde mit Informationstafeln zur Geschichte des Olivenbaums und zur Ölproduktion ausgestattet und nach und nach in das touristische Angebot des Kantons aufgenommen. Zwischen 1999 und 2009 wurden insgesamt 422 Olivenbäume auf mehr als 10’000 Quadratmetern steilem Gelände gepflanzt.

Mit der Eingemeindung von Gandria in die Stadt Lugano im Jahr 2012 übernahm die Stadt die Instandhaltung des Sentiero dell’Olivo und anerkannte dessen landschaftlichen, kulturellen und touristischen Wert. Der Weg erwies sich auch während des pandemiebedingten Covid-19-Lockdowns als besonders beliebt, als viele Menschen die lokale Umgebung und die Natur in unmittelbarer Nähe neu entdeckten. Im Jahr 2024 ersetzte die Stadt Lugano die ursprünglichen Informationstafeln durch neue Tafeln mit einer stärker historischen und touristischen Ausrichtung, bei denen die spezifisch olivenbaulichen Aspekte weniger im Vordergrund stehen.

Nach der ersten Präsidentschaft von Claudio Tamborini wurde die Vereinigung ab 2009 während eines Jahrzehnts von Alessandro Coduri geführt. Seit 2019 steht Claudio Premoli der Vereinigung vor; bereits seit 2011 hatte er das Amt des Sekretärs inne. Im Laufe der Jahre organisierte die Vereinigung Schnittkurse – mit Unterstützung des Agronomen Giandomenico Borelli –, Degustationen, Vorträge und Weiterbildungsveranstaltungen in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Pflanzenschutzdienst. Damit leistete sie einen konkreten Beitrag zur Vermittlung technischer Kenntnisse und zur Verbreitung fachgerechter agronomischer Praktiken.

Es fehlte auch nicht an schwierigen Phasen. Nach den ersten Jahren des Enthusiasmus durchlief die Vereinigung eine Phase der Verlangsamung, mit einer geringen Zahl aktiver Mitglieder (25) und der konkreten Gefahr einer Auflösung. Die Wende kam 2011, als anlässlich einer Generalversammlung in Gandria mit nur acht anwesenden Mitgliedern entschlossen wurde, das Projekt neu zu lancieren. Die Statuten wurden überarbeitet, der Mitgliederbeitrag gesenkt, eine jährliche Generalversammlung eingeführt und die öffentlichen Aktivitäten mit neuer Energie wieder aufgenommen. Damit begann eine Phase kontinuierlichen und strukturierten Wachstums.

Im Jahr 2015 unterstützte die Vereinigung die offizielle Gründung des Frantoio di Sonvico, die von Ennio Bianchi (1951–2025), vorangetrieben wurde. Seine Leidenschaft verlieh dem Olivenanbau und der Ölproduktion im Tessin einen aussergewöhnlichen Impuls. Der Betrieb stellte seine Tätigkeit Ende 2024 ein, hinterliess jedoch wichtige Spuren in der Entwicklung des Sektors.

Seit 2018 fördert die Vereinigung jedes Jahr die Pflanzung neuer Olivenbäume – ein Zeichen für das zunehmende Interesse an dieser Kultur. Während der Pandemie wurde zudem die erste Erhebung der Olivenbäume im Tessin und in der Mesolcina durchgeführt: Fast 900 Teilnehmende haben bisher mehr als 9’500 Bäume gemeldet (Stand Ende 2025). Diese Zahl steigt dank der laufenden Aktualisierung der Meldungen kontinuierlich weiter an.

Das Jahr 2021 brachte eine weitere Anerkennung mit der Aufnahme des „Tessiner Olivenöls“ in das Kulinarische Erbe der Schweiz. Im selben Jahr wurde die Website der Vereinigung aufgeschaltet. Sie entwickelte sich zu einem zentralen Instrument für Kommunikation und Information und verzeichnete insgesamt bereits mehr als 45’000 Besuche. Zudem wurde der monatliche Almanach für Tessiner Olivenbauern veröffentlicht, ein praktischer Leitfaden für die saisonalen Arbeiten und die Bewirtschaftung des Olivenhains.

Heute wirkt die Vereinigung an international anerkannten Publikationen wie dem „Guida nel mondo dell’extravergine“ von Flos Olei und dem „Guida agli Extravergini“ von Slow Food mit und stärkt damit die Sichtbarkeit des Tessiner Olivenbaus über die Grenzen der Region hinaus.

Zu den jüngsten Projekten gehört die Gründung der Associazione Frantoio Atena im Jahr 2024 sowie der Bau einer neuen Ölmühle beim Landwirtschaftsbetrieb Azienda agraria di Mezzana in Coldrerio, die 2025 ihren Betrieb aufnahm. Dies stellt einen strategischen Schritt dar, um eine vollständige und unabhängige lokale Wertschöpfungskette – vom Anbau bis zur Verarbeitung – zu gewährleisten. Ebenfalls 2025 wurde nach zweijähriger Beobachtung in Lumino in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Pflanzenschutzdienst das Projekt „Phänologie“ abgeschlossen. Dabei wurden mit nahezu tausend Fotografien die Wachstumsphasen – gemäss der BBCH-Skala – von zwei Olivenbäumen der Sorte Pendolino dokumentiert. Das Projekt leistete damit einen Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschung dieser Kultur unter voralpinen Bedingungen. Parallel dazu führt die Vereinigung seit einigen Jahren eine aufwendige Überwachung der Olivenfliege durch, die auf dem freiwilligen Einsatz einiger engagierter Unterstützer beruht.

Heute zählt die Associazione Amici dell’Olivo mehr als 360 Mitglieder und gilt im Kanton Tessin und auch über den Gotthard hinaus als wichtige Anlaufstelle. Durch Informations- und Sensibilisierungsaktivitäten, institutionelle Kooperationen und mediale Präsenz setzt sie sich weiterhin dafür ein, den Olivenbaum nicht nur als landwirtschaftliche Kultur, sondern auch als identitätsstiftendes Element der Landschaft und der regionalen Kultur zu fördern.

Im gleichen Geist, der die ersten Arbeiten in Gandria beseelte, setzt die Vereinigung – die seit vielen Jahren ihren Sitz in Rancate hat – ihr Engagement fort, damit der Olivenbaum, eine Pflanze der Harmonie und des Friedens, auch in unseren Breitengraden weiterhin Wurzeln schlägt und Früchte trägt.

 

Associazione Amici dell’Olivo
Claudio Premoli
1. April 2026